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Pater Placidus Heinrich (1758 - 1825)

Festschrift zum 225. Geburtstag von Pater Placidus Heinrich
Herausgeber: Markt Schierling, 1983
Text: Georg Rötzer
Portrait des Priesters Placidus Heinrich
   

Vater Thomas Heinrich, einfacher Wollweber in Schierling, ahnte sicherlich nicht, als ihm am 19. Oktober 1758 ein Sohn Joseph in die Wiege gelegt wurde, daß dieses hilflose Bündel einmal im schlichten Gewande St. Benedikts zu hohem wissenschaftlichen Ruhm aufsteigen und den Namen Heinrich bis weit in Länder jenseits der eigenen Landesgrenzen hineintragen werde.

Nach den ersten Volksschuljahren in Schierling schickten die Eltern das geweckte Bürschlein an die Aula scholastica der Alten Kapelle - das bischöfliche Gymnasium - nach Regensburg. Für Joseph stellte diese elterliche Entscheidung die Weiche zu einem erfolgreichen Forscher- und Gelehrtenleben.

Der Wunsch, Benediktiner zu werden ließ den Absolventen der humanistischen Studien mit 17 Jahren an der Klosterpforte des Reichsstifts St. Emmeram anklopfen und um Aufnahme nachsuchen. Nach einjährigem Noviziat in der Abtei Scheyern legte Joseph 1776 in St. Emmeram die Gelübde ab und erhielt den Ordensnamen Placidus. Am 3. November 1782 wurde er zum Priester geweiht.
Schon früh hatte der Fürstabt von St. Emmeram, Frobenius Forster, Heinrichs hohe Begabung für Mathematik und Physik erkannt und ihn unter die betreuenden und fördernden Fittiche von Pater Coelestin Steiglehner, dem Lehrer dieser Fächer gestellt. Ihm verdankt Placidus Heinrich das tragende wissenschaftliche Fundament. Unterstützt wurde der strebsame Ordensmann Placidus durch die Entwicklung des Klosters St. Emmeram unter Abt Frobenius zu einer geistigen Pflegestätte auch der Naturwissenschaften, gilt doch dieser Abt als der eigentliche Schöpfer des 'goldenen Zeitalters von St. Emmeram', wo er dank ausgezeichneter Gelehrter eine Klosterakademie ins Leben rief. Unter seiner weitblickenden Führung entwickelte sich die Abtei zu einem Bildungsmittelpunkt für zahlreiche Klöster, die ihre jungen Mönche zur wissenschaftlichen Ausbildung hierher schickten.

Geburtshaus von Placidus Heinrich
Das Geburtshaus von Placidus Heinrich.
Wegen Baufälligkeit 1974 abgebrochen.
 
   

Zielstrebig geht Heinrich in dieser Atmosphäre seinem Studium nach. Nebenher beschäftigt er sich mit Beobachtungen der Sonnenflecken. Auf diesen Forschungen könnte später der Schweizer Astronom Rudolf Wolf aufbauen, als es um die Einführung der Sonnenflecken-Relativitätszahlen ging. Bald wird der junge Gelehrte mit einem Lehrauftrag betraut. 1785 hält P. Placidus in St. Emmeram seine ersten Vorlesungen über Experimentalphysik. Im Sommer 1786 stehen 14 Kollegien aus der Mathematik auf dem Programm. Seine Vorlesungen finden starken Zulauf. Oft sitzen über 30 Hörer zu seinen Füßen, unter ihnen auch Söhne von Reichstagsgesandten. Im Winter 1786 wird eine eigene Vorlesung aus der Mathematik und Logik für die 'Cavaliere des Reichstags' angesetzt. Nur kurze Zeit später reifen die ersten Früchte seiner publizistischen Tätigkeit. Ein Beitrag über die 'Wirkung des Geschützes auf Gewitterwolken' und eine Untersuchung zur Frage 'Kommt das Newton'sche oder Euler'sche System vom Licht mit den neuesten Versuchen der Physik mehr überein?' werden mit Preisen der Kurfürstlichen Akademie ausgezeichnet. - Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Wissenschaftler Heinrich trotz voller zeitlicher Auslastung als Ordensmann auch in der praktischen Seelsorge tätig war. So versah er von Mai 1788 bis Dezember 1791 den Dienst als Pfarrvikar in Schwabelweis.

Zum entscheidenden Meilenstein in Heinrichs wissenschaftlicher Laufbahn wurde das Jahr 1791. Sein ehemaliger Lehrer und Förderer, Coelestin Steiglehner, war vor zehn Jahren an die Universität Ingolstadt als Professor berufen worden. Nun, nach dem Tode von Abt Frobenius, rief ihn die Wahl des Konvents als Nachfolger in die verwaiste Abtei zurück. Damit schlug Heinrichs große Stunde. Die vakante Professur in Ingolstadt war zu besetzen. Abt Steiglehner, von Heinrichs Fähigkeiten zutiefst überzeugt, setzte sich bei Kurfürst Karl Theodor für dessen Berufung ein und seine Bitte fand ein offenes Ohr. Am 17. Dezember geruhte der Kurfürst "auf die bei der Hohen Schule in Ingolstadt freigewordene Stelle eines Professors der Naturlehre, der physikalischen Versuche, der Sternen- und Witterungskunde den Placidus ... zu berufen." Das Generalstudiendirektorium unterrichtete unter dem 30. Dezember Heinrich von seiner Berufung "in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Herr Professor in die Fußtapfen des gefürsteten Herrn Vorfahrers eintrete und sich sowohl nach Kuratel- als Direktorialverfügungen zum allgemeinen Besten betragen und seinen Lehrposten ehestens antreten werde." Der Name des Wissenschaftlers Heinrich hatte über die Klostermauern von St. Emmeram hinaus bereits Klang und Rang. Er wurde im neuen Wirkungskreis mit Freunden aufgenommen und mit dem Dr.-Grad geehrt. Heinrich wurde den in ihn gesetzten Erwartungen voll gerecht. Die Forschung, die die Universitätsstatuten neben der Lehre von den Dozenten fordern, fand ihren Niederschlag in einer Anzahl von Veröffentlichungen, von denen die in den Münchener Akademieabhandlungen 1797 erschienene Arbeit 'Über die mittlere Kraft und Richtung der Winde' besonders hervorzuheben ist.

Der Placidus-Heinrich-Turm 1902
    Der Placidus-Turm vor seinem
Abriss 1902
 

Auf Placidus Heinrichs wissenschaftliche Tätigkeit legte sich ein düsterer Schatten, als ihn seine Gesundheit zunehmend im Stich ließ. Dies ging so weit, daß ihn seine Krankheit wiederholt nötigte, bei Abt Steiglehner um seine Rückversetzung nach Regensburg nachzusuchen. Seine Rückkehr ins Kloster brachte ihm jedoch keineswegs die erhoffte Besserung. Im Winter 1800 verschlimmerte sich Heinrichs Gesundheitszustand. Er litt an Lungengeschwüren, die aufplatzten. In großem Kummer schrieb Steiglehner: "Unser lieber P. Placidus hat mich ... fast bis in den Tod betrübt, ... er war in Gefahr zu ersticken. Das macht mich wegen seiner äußerst besorgt. Mit ihm stirbt unser kostbares Musaeum weg und seine Person ist vielleicht in einem Jahrhundert nicht mehr zu ersetzen."

Der Wellenschlag politischer und kulturpolitischer Umschichtungen im Lande an der Wende zum 19. Jahrhundert erreichte auch Regensburg und hier wiederum St. Emmeram mit voller Wucht. Ende des Jahres 1802 ergriff Karl Theodor von Dalberg, Erzbischof und Erzkanzler des Deutschen Reiches, von St. Emmeram Besitz. Die Güterverwaltung des Klosters wurde dem kurfürstlichen Landeskommissariat unterstellt. Zwar behielten die 29 Kapitulare ihre Wohnungen in St. Emmeram und hatten Kirche und Klostergarten sowie die literarischen Hilfsmittel und die Sammlungen zu ihrer Verfügung. Für Neuaufnahmen dagegen war der Zugang zum Kloster versperrt. Die wirtschaftliche Absicherung der Mönche wurde gewährleistet. Der neue Zeitgeist sickerte jedoch auch durch die verschlossene Pforte in die Klostermauern ein. Die klösterliche Disziplin verfiel. Einzelne Patres suchten um den Übertritt in den Stand eines Weltpriesters nach. Der Fortbestand des Klosters war ernsthaft gefährdet. Eine 'Pfarrei der regeltreuen Älteren' blieb standhaft. Ein Pater beschrieb den makabren Zustand: "Wenn das Kloster aussterben soll, können darin nur solche Leute zusammenbleiben und den Leichenzug formieren." Placidus Heinrich ließ sich nicht beirren. Ungeachtet der widrigen Umstände bemühte er sich um den Fortgang seiner Forschungen. Wiederholt korrespondierte er mit dem Leiter der Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha in dessen 'Monatliche Korrespondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde'. Auch in weiteren wissenschaftlichen Journalen ist Heinrich als Autor immer wieder zu finden. In die Dalberg-Zeit fielen u.a. Heinrichs Veröffentlichung 'Pyrometrische Versuche über Ausdehnung des Eisens und der Holzkohle' (Münchener akademische Abhandlung 1808) und die Untersuchung 'von der Natur und den Eigenschaften des Lichtes, eine chemisch-physikalische Abhandlung'. Genannt seien auch zwei speziell auf Regensburg bezogene Arbeiten: 'Bestimmung der Maße und Gewichte des Fürstentums Regensburg (1808)' und 'Monumentum Keplerio deticatum Ratisbonae die 27. Dec. 1808'.

Das Geflecht der wissenschaftlichen Beziehungen Heinrichs reichte bereits über die Grenzen des Reiches. Seine Schrift 'Von der Natur und den Eigenschaften des Lichtes' erhielt 1808 von der kaiserlich russischen Akademie Petersburg die Hälfte des ausgesetzten Preises - 250 Rubel. Weitere Preise wurden ihm von der Jablonskischen Gesellschaft zu Leipzig und vom kaiserlich französischen Institut zuerkannt. In diesem Zusammenhang sei auch Heinrichs ehrenvolle Mitgliedschaft in zahlreichen gelehrten Gesellschaften erwähnt. 1789 wurde er außerordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, 1809 Ehrenmitglied der Akademie in Erfurt, 1811 korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaft zu St. Petersburg und elf Jahre später deren Ehrenmitglied sowie 1823 Mitglied der Leopoldinischen Akademie der Naturforscher. Die Mitgliedschaften reihten sich nach und nach wie Perlen an einer kostbaren Kette.

Repetitionskreis
Repetitionskreis (Paris, um 1795)
 
   

Doch zurück zur düsteren Regensburger Wirklichkeit. Die Tage des Emmeramer Konvents waren inzwischen endgültig gezählt. Dalberg hatte die Ordensgeistlichen von ihren Gelübden gelöst. Am 22. Mai 1810 wurde die Stadt in den Besitz des Königreiches Bayern übergeben. Heinrich legte 1811 das langjährig ausgeübte Amt des Inspektors der Emmeramer Präbende nieder, entschloß sich aber, in Regensburg zu bleiben. Im selben Jahr erhielt das Generallandeskommissariat des Regenkreises den "Auftrag, den Professor Placidus Heinrich zur Teilnahme am physikalischen und chemischen Unterricht am Lyzeum einzuladen". Am 4. November nahm "der auch im entferntesten Ausland rühmlichst bekannte und noch fortwährend tätige Mann" - so der Generalkommissar an den König- die Berufung an. Mit der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Bayern und Thurn und Taxis war die Räumung auch der Stiftsgebäude zur unumstößlichen Tatsache geworden. Heinrich mußte sich um ein neues Domizil bemühen. Fürst Alexander von Thurn und Taxis überließ ihm "den Turm im fürstlichen Hofgarten" zu astronomischen und meteorologischen Studien. Der Jahresbericht des Lyzeums vermerkt 1814: "Wir sind stolz darauf, daß wir von allen öffentlichen Instituten des Vaterlandes allein einer solchen Anstalt uns rühmen können." Dieser Stolz war sicherlich berechtigt. Heinrich hatte ein ausgezeichnetes Instrumentarium zur Hand. Er hatte sich Geräte anfertigen lassen, die eine wesentliche Verbesserung seiner Arbeit versprachen. Von Abt Steiglehner erhielt er zusätzlich wichtige und wertvolle Instrumente "zum Andenken unserer 37jährigen Verbindung" geschenkt und von Dalberg ließ ihm "ein wahrhaft königliches Geschenk: einen l6zölligen, von Fortin in Paris neu und trefflich gearbeiteten Multiplicationskreis" zukommen.

Als Lyzealleiter setzte Heinrich seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit fort. Wegen seiner bisherigen Verdienste wurde ihm 'der erste Rang nach dem Rektor' zuerkannt. Auch die literarischen Arbeiten konnten fortgeführt werden. In fünf Abhandlungen untersuchte Heinrich zwischen 1811 und 1820 'Die Phosphoreszenz der Körper'. Der in den Jahren 1816/24 zwischen Heinrich und seinem Verleger Schrag in Nürnberg geführte Schriftwechsel vermittelt vielseitige Einblicke in die letzten Jahre seines Gelehrtenlebens.

Der 'fromme Professor', wie er auch charakterisiert wurde, bekannte 1822 der Äbtissin Morasch in Eichstätt: "Nachdem ich mich volle 40 Jahre mit weltlichen Studien abgegeben habe, kehre ich nun zu meinem ersten geistlichen Beruf zurück, wie ich es 1776 Gott feierlich gelobt habe." Im Vorjahr hatte Heinrich seine Ernennung zum Domkapitular erhalten. Jetzt zählte er zusammen mit dem späteren Bischof Johann Michael Sailer zu den neuernannten Regensburger Domkapitularen, die das alte Kapitel aus der Zeit zwischen Säkularisation und dem bayerischen Konkordat von 1821 ablösten.

Zehn Jahre hatte der Professor in 'seinem Turm' neben der ehemaligen Abtei verbracht, als 1822 der König verfügte, daß Heinrich das Domkapitelhaus auf dem Niedermünsterplätzchen gegen 80 Gulden Jahreszins lebenslänglich erhalten solle. Die wertvollsten Instrumente aus Privatbesitz verkaufte Heinrich für 4000 Gulden an das Lyzeum, das restliche Instrumentarium vermachte er dieser Institution. Ahnte er bereits die Todesnähe? Sein körperlicher Verfall war unübersehbar geworden. So hatte er u. a., wohl als Folge seiner Versuche mit Quecksilber und Phosphoreszenz, sämtliche Zähne verloren. Am 18. Januar 1825 schied Pater Placidus von dieser Welt. Wer sich heute bei einem Regensburger, selbst der älteren Generation, nach dem 'Placidus-Turm' erkundigen wollte, müßte sich wohl mit einem ratlosen Achselzucken als Antwort zufriedengeben. Er existiert nur noch auf älteren Plänen der Stadt Regensburg als das Gebäude R XXVIII am St.-Peters-Weg, an der Nordseite des fürstlichen Parks, gegenüber dem ehemaligen Obermünsterstift. Wer weiß schon noch, daß der alte Stadtmauerturm 1902 einer Straßenerweiterung im Wege stand? Die Stadt erwarb ihn vom Fürstlichen Haus auf dem Tauschwege gegen anderen Grund und Boden. Mit seinem Abbruch ging außer einem Stück Altregensburger Stadtbefestigung auch ein markantes Zeichen Regensburger Wissenschaftsgeschichte verloren. An Placidus Heinrich erinnern in unseren Tagen lediglich eine Gedenktafel am Sterbehaus in der Niedermünstergasse und die Placidusstraße, ein schmächtiges Straßenstück zwischen Furtmayr- und Gumppenbergstraße.

Auch in Schierling sind es sicherlich nicht viele, die über den großen Sohn der Gemeinde Aufschluß geben können. Der Staub von zwei Jahrhunderten hat den Glanz dieses Sterns am Himmel der Wissenschaft seiner Zeit überdeckt. Selbst das altersschwache und zuletzt baufällige Geburtshaus des Gelehrten ist vor einigen Jahren der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Wohl hat ihm die Festschrift zur Jahrtausendfeier 1953 'Tausend Jahre Schierling' von Josef Mundigl ein eigenes Kapitel gewidmet. Konnte es ihn aber im Bewußtsein der Bürger nachhaltig verankern? Wenn nicht, dann mag am Vergessen die für den Alltagsbürger doch recht spröde und ferne Materie, an die Heinrich sein Forscher- und Gelehrtenleben knüpfte, ein gerütteltes Maß Schuld tragen. Es war nicht möglich, im Rahmen dieser kleinen Schrift das überragende Schaffen und Wirken des großen Schierlinger Wissenschaftlers auszuschöpfen. Es soll sein Bewenden dabei haben, die kräftigsten Konturen und die bedeutendsten Linien seiner Persönlichkeit und seines Lebens nachgezeichnet und hervorgehoben zu haben. 225 Jahre liegen zwischen heute und seiner Geburt. Anlaß genug, sich seiner zu erinnern und der rührigen Heimatgemeinde Schierling steht es gut an und es ist ihr dafür zu danken, daß sie dieses Jubiläum zum Anlaß genommen hat, bei der Regierung der Oberpfalz Antrag zu stellen, den Namen 'Pater Placidus Heinrich' in die offizielle Bezeichnung unserer Volksschule einzufügen. Die Regierung hat dem Ansuchen stattgegeben.

So fällt dem schlichten Gelehrten in unserer kurzatmigen und schmalbrüstigen Zeit die Aufgabe zu, einer späten Generation seines Heimatortes Symbol und dem einen oder anderen vielleicht auch Impuls und Wegweiser dafür zu sein, daß Beständigkeit und Ausdauer solide Grundlagen zur eigenen erfolgreichen Lebensbewältigung sind. Zum guten Gelingen möchte auch diese kleine Schrift beitragen.


© Placidus-Heinrich-Volksschule
© Schierling

 

 

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